
Internationale Einführung entlang der Lieferkette hat in 2010 begonnen
Interview mit Dr. David Frink, Vorstand für Produktion, Logistik und IT, Gerry Weber International
Der bereits für Herbst 2009 angekündigte Rollout soll mit Beginn 2010 starten. Im Laufe des nächsten Jahres will der Bekleidungshersteller mit Sitz in Halle die RFID-Technologie zur Optimierung der Logistik- und Retailprozesse sowie zur Warensicherung einführen. Ziel ist es, 25 Millionen Kleidungsstücke direkt in der Produktion in Asien mit eingenähten textilen Pflege-Etiketten zu kennzeichnen. Dazu werden 150 eigene Filialen in Deutschland und Europa mit RFID-Technik ausgestattet. Bis dahin hat das Modeunternehmen noch ein großes Stück Arbeit vor sich. „RFID im Blick“ sprach mit Dr. David Frink, Vorstand für Produktion, Logistik und IT, Gerry Weber International.
Gerry Weber bezeichnet den Rollout als Meilenstein im Bereich der Bekleidungsbranche. Würden Sie von einer Prozessführerschaft sprechen?
Das würde ich so nicht unterschreiben. Aber wir sehen uns als First Mover. Wir kennen das Henne-Ei-Problem in unserer Branche. Unseres Wissens sind wir der erste Hersteller in der Bekleidungsbranche, der RFID von der Produktion bis zum POS einsetzt. Indem wir zu 100 Prozent die EPC-Technologie nutzen, haben wir einen neuen Branchenstandard geschaffen. Dabei setzen wir explizit auf das textile Einnähetikett zur Warensicherung – auch dies ist ein Novum. Wir befassen uns bereits seit zehn Jahren mit RFID. Bisher war immer noch der Tag-Preis das Problem. Denn nur die Technologie um der Technologie willen zu implementieren, macht keinen Sinn. Jetzt haben wir einen Business-Case, der sich rechnet. Auf Basis der analysierten Prozesse haben wir daher eine Roadmap für die nächsten fünf bis zehn Jahre festgelegt.
Aus welchen Gründen fiel die Wahl auf eingenähte textile Pflege-Etiketten?
Das hat zum einen prozessuale Gründe: Einer der Hauptpunkte ist, dass ein Arbeitsgang gegenüber dem Anbringen von Mehrwegetiketten gespart wird. HangTags lassen sich zudem schneller abreißen oder können abfallen. Hinzu kommt der Etikettenpreis. Ein fertig konfektioniertes Etikett, das in Druckcentern in Asien und Europa gedruckt und an die Lieferanten geschickt wird, kostet 19 US-Cent inklusive Chip, was einem Mehrpreis von 13 Cent gegenüber einem herkömmlichen Pflegeetikett entspricht. Unsere Händler erhalten dies kostenlos. Statt 35 Cent pro Kleidungsstück für die Warensicherung tätigt er nur eine einmalige Investition von 7 000 Euro für die Hardware, sprich eine Deckenatenne und eine kleine Antenne an der Kasse. Wenn er 20 000 Teile verkauft, amortisiert sich die Investition in zwei bis drei Jahren. Bei mehreren Herstellern würde sich die Amortisationsdauer noch drastisch verkürzen. Je mehr Hersteller sich beteiligen, desto günstiger sind die Chips. Und das ist unser Hauptinteresse: So viele Hersteller wie möglich dazu zu bewegen, RFID im Source-Tagging einzusetzen, um unseren Händlern enorme Einsparpotenziale zu ermöglichen. Allein durch die Warensicherung können diese bereits positive Beiträge fahren, da 100 Prozent der Ware gesichert ist. Durch die Warensicherungsfunktionalität mit RFID erreichen wir eine Sicherungsquote von 95 bis 100 Prozent, mit der herkömmlichen RF-Lösung liegt diese gerade einmal bei 70 Prozent.
Wie werden Sie weitere Branchenteilnehmer, Hersteller und auch Mitbewerber, in den weltweiten Rollout einbinden?
Wir gehen klar den Weg, die Technologie breit einzusetzen. Als Mitglied der Fashion Group tauschen wir uns mit vielen Herstellern aus. Zum anderen haben wir am 26. November sowohl Kunden als auch Hersteller bei einem Brachentreff mit knapp 100 Teilnehmern darüber informiert, warum wir eine Kooperation im Bereich RFID für sehr wichtig für die gesamte Branche erachten und welche Potenziale wir sehen. Wir sind zu 100 Prozent von der Lösung überzeugt. Die bisherige Resonanz war hervorragend. Auch seitens der Mitbewerber, denen gegenüber wir unsere Lösung komplett offen legen. Dasselbe gilt gegenüber Kassensoftware- und Warenwirtschaftssystemherstellern, die auf uns zugekommen sind. Wir wollten keine proprietäre Gerry- Weber -Lösung, sondern eine Lösung für die Branche. Rein betriebswirtschaftlich haben wir nicht die Notwendigkeit, da der Business-Case für uns steht, sondern einfach den Grundton der Überzeugung, dass wir andere mit ins Boot holen wollen. Natürlich ergeben sich betriebswirtschaftliche Vorteile für die Hersteller und unsere Kunden. Diese sind aber sekundär. Wenn unsere Einzelhändler den Weg mitgehen, bedeutet dies eine Chance für die gesamte Branche.
Rollout in mehreren Phasen
„Die erste Phase des Rollouts, die noch einmal in Phase 1a und 1b unterteilt ist, werden wir Anfang des kommenden Jahres umsetzen“, so Dr. David Frink. „Zum einen werden wir ab Januar die Houses of Gerry Weber mit Deckenantennen und Handscannern ausstatten. Die RFID-Lösung soll die bisherigen Sicherungssysteme mit Magnetnadeln und HF-Sicherungsgates ersetzen. Gleichzeitig werden wir ab April beginnen, jedes Kleidungsstück ab Produktion zu taggen. Bis circa Mitte des kommenden Jahres sollen dann alle Waren mit dem textilen RFID-Etikett am POS versehen sein.“ In der Logistikkette würden zunächst Produktionsstätten in Asien eingebunden, berichtet Dr. Frink weiter. DHL werde dafür die eigenen Läger in China mit Gates ausstatten. Gleichzeitig würden die Logistikdienstleister Meyer & Meyer und Fiege die Warenausgänge ihrer Standorte in Osnabrück und Ibbenbüren mit Gates versehen, um Falschlieferungen zu reduzieren. Im händischen Lager bei Fiege erfolge zudem eine Erfassung über RFID-Gates im Wareneingang. Cross-Docking sei laut Frink zunächst nicht angedacht. „Dies ist explizit erst in der zweiten Phase ab Mitte 2010 bis Anfang 2011 ein Thema.“
ROI innerhalb von zwei Jahren
Gerry Weber investiert nach eigenen Angaben 2,7 Millionen Euro in fünf Jahren in den RFID-Rollout. Dr. Frink rechnet damit, dass sich die Investitionen in rund zwei Jahren amortisiert haben. Das Modeunternehmen verspricht sich durch die Technologie eine signifi kante Verbesserung der logistischen Prozesse. Durch den elektronischen Produktcode, der sich neben der Warensicherungsfunktionalität auf den Chips befi ndet, könne die Bekleidung in Zukunft hängend wie liegend aufwandsminimal erfasst und die Transparenz in der Logistikkette erhöht werden. „Als wesentliche Vorteile erwarten wir, auf den Verkaufsfl ächen eine hohe Bestandsgenauigkeit und daraus folgend eine bessere Warenversorgung zu erzielen. Darüber hinaus entfallen zeitintensive Zählungen beispielsweise bei Inventuren. Dadurch bleibt dem Personal in Zukunft mehr Zeit für die individuelle Beratung“, so Dr. David Frink weiter. Einbezogen in den Rollout sind die fünf Marken, die unter dem Dach der Holding produziert werden: Gerry Weber, Gerry Weber Edition, G.W., Taifun und Samoon by Gerry Weber.
Warensicherung über Deckenantennen
An dem Rollout sind verschiedene Lösungs- und Logistikpartner beteiligt. In einer dreimonatigen Testphase ab April 2009 im Rahmen des Forschungsprojekts „Ko-RFID“ wurde die Eignung von RFID als Warensicherungstechnologie bereits in den Houses of Gerry Weber in Bielefeld, Münster und Düsseldorf Arcaden gemeinsam mit der Deutschen Telekom getestet. Die Deutsche Telekom stattet die Geschäfte an den Eingängen und Kassen mit RFID-Lesegeräten und eigens dafür entwickelten Deckenantennen aus. Jeder RFID-Tag ist mit entsprechendem EPC-Code in einer Datenbank und im Kassenbestand des jeweiligen Geschäftes erfasst. Nach Kauf eines Kleidungsstückes wird die Identitätsnummer gelöscht. Wird Ware entwendet und das System hat das Kleidungsstück nicht korrekt ausgebucht, löst dies einen Alarm aus. Wie das Modeunternehmen betont, würden keine personenbezogenen Daten gespeichert. „Eine Verbindung zur Verkaufstransaktion liegt nicht in unserem Interesse, und die Systeme sind so ausgelegt, dass wir dies auch gar nicht können. Mit dem Bezahlvorgang an der Kasse sind die EPC-Daten im System nicht mehr existent. Wir möchten die Technologie nur für logistische Belange, Warensicherung, Nachschubsteuerung und Inventur verwenden“, unterstreicht der Gerry Weber-Vorstand.
Eingenähte Pflegeetiketten mit RFID-Tags
Statt der in den Pilotprojekten genutzten RFID-basierten EAS-Warensicherungstags von Checkpoint Systems kommen textile Pfl egeetiketten mit integrierter Warensicherung und EPC-Code (UHF Gen2) von Avery Dennison zum Einsatz. Das RFID-Inlay sei bei bis zu 60 Grad Celsius waschbar und könne auch chemisch gereinigt werden. Nach erfahrungsgemäß in der Regel drei Waschgängen und einer chemischen Reinigung wird der Tag physisch zerstört. „Dieser Anforderung mussten die Etiketten genügen, um die Aufbereitung der Waren von der Produktion auch dann sicherzustellen, wenn die Kleidungsstücke im Prozess nochmals gewaschen oder gereinigt werden müssen“, so Frink.
Von China nach Deutschland
DHL Global Forwarding ist für die Liegeware von Gerry Weber aus China der ausgewählte Logistikdienstleister. Die Ware wird bereits mit einem eingenähten RFID-Tag bei DHL Global Forwarding im Logistikzentrum in Shanghai, China angeliefert. Im Wareneingang erfasst DHL Global Forwarding die Ware mittels der installierten lokalen RFID-Infrastruktur auf Artikelebene. Im Vorfeld senden die Lieferanten ein Avis an DHL mit den exakten Artikelnummern. Bei der Erfassung im Wareneingang ist somit eine direkte Überprüfung gewährleistet, ob die bestellte Ware auch komplett geliefert wird. Diese Daten werden dann an die DPDHL Auto Id Solution (RFID-Plattform) in das DHL IT-Competence Center nach Prag übertragen. Die Ware geht per Luftfracht nach Frankfurt, wird dort verzollt und an das Lager von Gerry Weber geliefert. Weiterer Partner in der Transportlogistik ist das Unternehmen Hellmann. Salt Solutions liefert das Warenwirtschaftssystem und Torex die Instore-Softwarelösung.





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